Ende Februar 2026 fand ein Online-Pressegespräch statt, in dem die erste S3-Leitlinie zum Thema Stilldauer vorgestellt wurde. Bei der fachlichen Entwicklung dieser Handlungsempfehlung war Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph Krankenhaus, maßgeblich beteiligt. Auch bei der Präsentation, die auf großes Medieninteresse stieß, war er dabei und erläuterte zusammen mit weiteren Expert*innen die Empfehlung: Mütter sollten ihre Babys sechs Monate ausschließlich stillen.
Leitlinien stellen die höchste Stufe wissenschaftlich basierter, medizinischer Empfehlungen in Deutschland dar. Gleichzeitig betont Prof. Abou-Dakn im Pressegespräch, dass die neue S3-Leitline als „Leitplanken“ zu verstehen sei: Sie geben Orientierung für Hebammen, Ärztinnen und Ärzte, verpflichten aber nicht. Entscheidend sei zudem eine sensible, individuelle Beratung – ohne Druck und ohne Schuldzuweisungen. „Die Frau hat immer die Wahl“, betont Prof. Abou-Dakn. Weder zum Stillen noch zum Abstillen oder zur vorzeitigen Beikost dürften Mütter gedrängt werden.
Was steht in der S3-Leitlinie?
Die neue Leitlinie empfiehlt für reifgeborene, gesunde Kinder sechs Monate ausschließliches oder überwiegendes Stillen und deckt sich damit mit der gleichlautenden Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Auch nach Einführung der Beikost soll weiter gestillt werden; als Mindestgesamtstilldauer werden zwölf Monate genannt.
Hintergrund für diese Empfehlung ist, dass eine Auswertung zahlreicher Beobachtungsstudien zeigen, dass längeres Stillen positive gesundheitliche Effekte auf Mutter und Kind zu belegen scheint – auch wenn eher statistische Zusammenhänge und keine gesicherten Kausalitäten vorliegen. So gibt es Anhaltspunkte, dass sechs Monate ausschließliches Stillen und eine Stilldauer von mindestens zwölf Monaten das Risiko für Mittelohrentzündungen, Darminfektionen und Asthma senken könnten. Hinweise bestehen auch für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa.
Zudem werden mögliche Vorteile für die Zahn- und Kieferentwicklung sowie für bestimmte neurologische Entwicklungsstörungen diskutiert. Auch für Mütter gibt es Hinweise auf positive Effekte, etwa hinsichtlich Gewichtsreduktion sowie geringerer Risiken für Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes. Insbesondere konnte nachgewiesen werden, dass Mütter, die in ihrem Leben ca. 24 Monate gestillt haben einen deutlich geringeres Risiko für Brustkrebs haben.
Respektvolle Begleitung ohne Stigmatisierung
Prof. Abou-Dakn unterstreicht, dass die Leitlinie, die eine einheitliche Stillberatung und Stillförderung durch die verschiedenen Berufsgruppen wie Hebammen und Frauenärzte ermöglichen soll, einen klaren Handlungsspielraum lässt: Bei besonderen medizinischen oder sozialen Situationen müsse stets individuell entschieden werden. Ziel sei eine einheitliche, unterstützende, respektvolle Begleitung der Mütter – ohne Stigmatisierung.